Erfahrungsbericht ,,Die Begutachtung´´

Personenbezogene Daten wurden verfremdet.

Am einem Dienstag, im Herbst 2021 um 15.00 Uhr, kam ein Anruf von Frau Dr. Lehmann, dass sie am nächsten Tag morgens um 9.00 Uhr zu uns käme.

Es erscheint eine Dame, ca. 50 Jahre alt, Typ Oberstudienrätin für Latein und Geschichte, Minirock, blondiert, nackte Beine in klobigen Turnschuhen.

Sie wartete keine Aufforderung ab, setzte sich an den Esstisch, klappte ihr Laptop auf und fing auch sofort an, mich zu befragen. Z.B wo denn das Problem sei, worauf ich verwundert ob der Frage, denn sie wusste ja, dass er Alzheimer hat, antwortete: ,,Seine Vergesslichkeit, aus der sich alle weiteren Probleme ergäben“ Ich hatte angenommen, dass ihr das Grundmuster eines Alzheimerkranken bekannt sei. Ist es sicher auch, was sie mit dieser Frage bezweckte, weiß ich nicht. Nach dieser Frage könnte man ja auch den Angehörigen eines Blinden fragen, wo denn das Problem sei.
Werner kam wenige Minuten später dazu. Sie stellte sich im weder vor, erklärte auch nicht, warum sie da sei. Sie strahlte Eile aus, und die Botschaft: ,,Machen wir’s schnell. … 

„Und so war es dann auch“

Sie fragte nach Tagesereignissen, ob er wisse, warum sie Abstand hielten, was im September für ein besonderes Ereignis sei, – was er nicht wusste
(Wahlen), wer Europameister im Fußball sei, ob er sich überhaupt dafür interessiere , und ob er die Spiele im Fernsehen gesehen hätte. Worauf ich dazwischen warf, wir hätten keinen Fernseher.
Deshalb fragte sie ihn irgendwann wohl auch, was er denn abends machte, wenn er nun nicht fernsähe. !! Er sagte: ,,lesen“.

Sie fragte Werner, wann er geboren sei, welchen Beruf er gehabt hat, ob er Kinder hat, und wenn ja, wie viele, Junge oder Mädchen etc. etc.. Werner musste generell bei fast allen Fragen ziemlich lange überlegen, was sicher auch der ungewöhnlichen Situation geschuldet war. Es hat auch manche Fragen falsch beantwortet, z.B. dass er drei Kinder habe. Was sie aber nicht kontrollieren konnte, also für bare Münze nahm. Ich sah auch keinen Anlaß, seine Aussagen zu korrigieren. Sie hat mich nicht darum gebeten. Und mir liegt natürlich nichts daran, ihn zu blamieren.

Was ich als besonders unangenehm, ja eigentlich unmöglich empfand…

war, dass sie immer zwischendurch mit etwas gedämpfter Stimme (Werner sollte es wohl nicht verstehen) Fragen an mich stellte, Sie wandte sich direkt an mich. Werner war in solchen Momenten völlig ausgeschlossen, so dass ich dann sagte, sie solle ihn doch bitte einbeziehen, was sie dann auch lustlos tat. Das war eine sehr unangenehme Situation.
Zu ihrer Methode gehört, dass sie sich immer sofort im PC Notizen machte, also meistens mit den Augen auf dem Bildschirm, den aufgeklappten Deckel zwischen sich und Werner minutenlang tippte, während dessen Werner und ich dasaßen, wie bestellt und nicht abgeholt. Eigentlich war das Ganze mehr ein Verhör als eine Befragung. Von menschlicher Nähe oder Zugewandtheit war kaum etwas zu spüren. Sie war zwar ganz freundlich, lächelte auch manchmal, aber alles in allem vermittelte sie den Eindruck,
,,ich habe keine Zeit, muss gleich zum nächsten Termin.“
Das ganze war ein nüchterner bürokratischer Vorgang.

Sie sagte zum Ende der Befragung:

dass dem Widerspruch nicht stattgegeben werde. Er könne ja noch viel zu viel. -( obwohl sich im täglichen Leben die Sache ganz anders darstellt.) Aber wie soll man das mit dieser, von den Behörden vorgeschriebenen Methode, auch ergründen. Als ich zwischendurch einmal sagte, ob man nicht anstelle des ständig benutzten Wortes „Pflege“, auch „Betreuung“ benutzen könne, meinte sie, die Betreuung liefe nur ganz am Rande. Also von der großartigen Ankündigung, die Pflegeversicherung würde nun auch Demenzerscheinungen in die Befragung und Einstufungen aufnehmen, kann in der Praxis kaum die Rede sein.

Der ganze Spuk war nach 20 Minuten vorbei, sie verabschiedete sich eilends, sagte nichts Verbindliches, auch nicht, ob und wann über diese Befragung noch ein Bericht käme. Dann stob sie davon.

Für Werner bin ich ausnahmsweise einmal froh, dass er alles vergisst.
Es war keine gute Situation.
Hannelore

Königswinter, Herbst 2021 

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